Unterschiede in deutscher und dänischer Höflichkeit

 

Martin Håstrup

 

Dänische Touristenbüro-Mitarbeiter sind sprachlich bei weitem nicht höflich genug - wenn sie deutsche Touristen informieren. Gleichzeitig übersehen die Deutschen jedoch oft, daß die Dänen in einer anderen Weise Ausdruck für Höflichkeit geben - z. B. mit einem kleinen Lächeln. Dies zeigt eine große Untersuchung von Gesprächen zwischen deutschen Touristen und Angestellten bei dänischen Touristenbüros. Die Untersuchung ist von Elin Fredsted von der "Syddansk Universitet" durchgeführt worden. Zur tysk.dk sagt sie, daß der Deutschunterricht in Dänemark sich weniger um das Texte-Lesen und mehr um Gespräche auf Deutsch konzentrieren sollte.

 

Elin Fredsteds Untersuchung kann in Zusammenhang damit gesehen werden, daß die Kenntnisse der Dänen über die deutsche Sprache und Mentalität zurückgehen, das war die Schlussfolgerung einer Wirtschaftskonferenz im März an der "Højskolen Østersøen" in der Stadt Aabenraa (auf Deutsch Apenrade). Die dänische Wirtschaftsministerin Pia Gjellerup und der Direktor des Verbandes der dänischen Industrie "Dansk Industri", Hans Skov Christensen, sagten auf der Konferenz, daß das einseitige Interesse der Jugendlichen für das Englisch-Amerikanische ein Problem darstelle, weil Deutschland ein derart großer Markt für viele dänische Branchen, u.a. auch für den Tourismus, ist.

 

Elin Fredsteds Untersuchung enthüllt, daß dänische Touristenbüro-Mitarbeiter große Schwierigkeiten damit haben, deutsche Gespräche in einer formell höflichen Weise einzuleiten oder zu beenden, so wie es die Deutschen erwarten. Häufig überspringen die Dänen die höflichen Sprachrituale. Die Angestellten beantworten auch selten ein "danke" oder einen Abschiedsgruß der deutschen Touristen. Darüber hinaus haben die dänischen Touristenbüro-Mitarbeiter Schwierigkeiten ein Bedauern oder eine Entschuldigung in einer konventionell höflichen Weise auszudrücken, so wie die Deutschen es gewohnt sind.

 

Fehlende verbale Höflichkeit

Die Gespräche in der Untersuchung sind auf Tonband und Video aufgenommen worden - und hier gibt es ein kleines Beispiel:

"Deutscher Mann: Wir sind am Sonntag eingezogen (...) und es gibt einige technische Probleme. Die Toilette zieht nicht so gut.

Dänischer Touristenbüro-Mitarbeiter: Das war nicht so gut. Ihre Schlüsselnummer?"

 

Der Satz "Das war nicht so gut" ist typisch dänisch, drückt aber gar nicht den gleichen Grad des Bedauerns auf Deutsch aus wie in der dänischen Sprache.

 

Aus dem Untersuchungsmaterial geht außerdem hervor, daß keiner der dänischen Touristenbüro-Mitarbeiter die spezielle Höflichkeitsform der deutschen Grammatik (Konjunktiv II) beherrscht.

 

Die Dänen können daher als ziemlich schroff und kurz angebunden aufgefaßt werden. Hier folgt ein anderer Auszug - wörtlich und sprachlich unvollkommen - aus einem dänischen Touristenbüro:

"Deutsche Dame: Wo ist eine Bank? (Der dänische Mitarbeiter zeigt ihr die Bank auf der Karte)

Deutsche Dame: Wie lange Öffnungszeiten?

Touristenbüro-Mitarbeiter: bis 16 Uhr.

Deutsche Dame: Und die Hauptstr. nach Tondern? (Der Touristenbüro-Mitarbeiter zeigt es auf der Karte)"

 

Der dänische Mitarbeiter ist sehr wortkarg und benutzt auch keine höflichen verbalen Ausdrücke bei der Überreichung der Materialien, z. B. "Bitte schön".

 

Elin Fredsted untersuchte darüber hinaus Gespräche in deutschen Touristenbüros, wo die Dänen Touristen waren. - Sie sagt zu tysk.dk: "Die Angestellten bei den deutschen Touristenbüros fanden, daß die Dänen unhöflich waren, und sich sehr schnell beleidigt fühlten, wenn sie für etwas bezahlen mußten - z. B. Hafengebühr für ihr Boot". Die direkte und unförmlich Sprechweise der Dänen war häufig ein Anlaß zu Mißverständnissen und Mißtönen in der Kommunikation mit den deutschen Mitarbeitern.

 

Entdecken nicht andere Höflichkeitsausdrücke

Durch die fehlenden höflichen deutschen Sätze können Dänen unfreundlich und unhöflich wirken. Aber laut Elin Fredsted kann dies jedoch auch dadurch verursacht sein, daß die Deutschen oft die nichtverbalen Höflichkeitssignale, wovon die Dänen normalerweise viele gebrauchen, übersehen. Die dänische und deutsche Sprache haben unterschiedliche Weisen, Höflichkeit auszudrücken, entwickelt. Die dänische Sprache ist mehr von nichtverbalen Ausdrücken geprägt - z. B. ein kleines Nicken, ein kleines Lächeln, Gestik mit den Händen, usw.

 

"Von meinen Abschriften der Gespräche in den Touristenbüros konnte ich sehen, daß Deutsch wortreicher als Dänisch ist. Es gibt eine ähnliche Untersuchung zwischen Hochdeutsch und Schweizerdeutsch. Hier zeigte es sich, daß Schweizerdeutsch wortarmer in Verbindung mit Einleitungen und Abschlüssen von Gesprächen ist. Dies könnte daher verursacht sein, daß die Schweizer und Dänen jahrhundertelang in kleinen, überschaubaren ländlichen Einheiten gelebt haben - wo man selten das Bedürfnis hatte, Gespräche mit Fremden einzuleiten - und deshalb nicht so viele verbalen höflichen Sprachrituale hierfür hätten.

 

Wie können die Dänen deutsche verbale Höflichkeit lernen?

"Es gibt keine Theorie über deutsche Höflichkeit, die man bloß auswendig lernen könnte. Höflichkeit hängt von der konkreten Situation und dem Zusammenhang ab. Im Deutschunterricht in Dänemark sollte man Höflichkeit in Gesprächssituationen in höherem Maße üben - statt so sehr auf Texte-Lesen ausgerichtet zu sein", sagt Elin Fredsted und fährt fort:

 

"Es ist eine Frage des Professionalismus in der dänischen Tourismusbranche. Die Touristenbüros sind ein Teil des Dienstleistungsbereiches, wo die Norm des Kunden gilt".

 

Nach der Beendung der Untersuchung hat Elin Fredsted Unterrichtsmaterialien für das Fach Deutsch für die dänische Tourismusbranche ausgearbeitet, die Ausgangspunkt in den Gesprächen in den Touristenbüros nehmen.

 

Biographie und Kontakt

In den letzten 20 Jahren hat Elin Fredsted in Deutschland gewohnt. Heute ist sie Universitätslehrer an der "Syddansk Universitet" in Sønderborg (deutsch: Sonderburg), und arbeitet u.a. mit einer gemeinsamen dänisch-deutschen Ausbildung in Zusammenarbeit mit der Universität in Flensburg. - Elin Fredsteds E-mail-Adresse ist: fred@sitkom.sdu.dk

 

© Juni 2001 Tysk.dk

Bilder: E.Fredsted.



 

 

 

Dr. Elin Fredsted

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Elin Fredsteds Abhandlung ist verkürzt auf Dänisch im Verlag Novus erschienen. Mit deutscher  Zusammenfassung.